Traumjob Spielindustrie

Vor ein paar Tagen machte mich eine Freundin (aus gutem Willen) auf eine Stellenanzeige in einem sozialen Netzwerk aufmerksam. Gepostet war Folgendes – natürlich in entsprechendem Statusformat der Seite (Achtung! Es folgt O-Ton, dem ich nur Firmennamen, -ort und offizielle E-Mail entfernt habe):

Wer hat Luuuuust!

Wir suchen einen Community- Manager bzw Community Managerin (Teilzeit von extern oder vor Ort in ***********) für folgende Aufgabenbereiche:
• Umfassende Betreuung unserer Foren und verschiedener Websites im Team mit anderen Mods.
• Fragen, Anregungen der User/Community entgegen nehmen und diese beantworten.
• Strategien entwickeln, um die Community des Unternehmens zu vergrößern.
• Bindeglied zwischen Community und ********* sein.
Und Interesse geweckt? Wenn dein Herz auch so für Spiele schlägt, du kommunikativ bist, eine gute schriftliche Ausdrucksweise in Deutsch und Englisch hast, dann bist du bei uns genau richtig. 🙂
Wir versprechen dir dafür ein lebendiges Arbeitsumfeld, ein entspanntes Arbeitsklima sowie ein schickes Büro.
Fragen zur Stelle werden wir nur per e-Mail beantworten, also schickt uns eure Bewerbungsunterlagen einfach an *********.
Wechsel rüber auf unsere Seite, wir freuen uns auf Dich!

Natürlich kann man sich vorstellen, was danach passiert ist. Mittlerweile wurde besagter Status zig Mal kommentiert – natürlich meist nicht unbedingt produktiv -, geliked und geteilt. Auf besagte Stelle kommentierten dann mehrere Minderjährige (!), dass sie ganz dringend da anfangen würden wollen zu arbeiten oder diverse andere Praktika machen wollen würden. Ein Blick auf die Webseite des Unternehmens hätte dafür gesorgt, dass gewisse Fragen nicht mal auftauchen, aber lesen ist langweilig und out. Braucht man nicht. Weit gefehlt!

Es würde mich ehrlich gesagt nicht wundern, wenn besagte Firma alle Leute, die auf diesen Status kommentiert haben, auf die Liste der „Absolut unnötig für uns“-Bewerber setzt. Dazugesagt, dass gewisse Ausschreibung selbst eine Woche nach Veröffentlichung auf sozialem Netzwerk noch nicht auf der Webseite zu finden ist, lässt mich außerdem vermuten: Es ist entweder ein Troll oder die Firma hat es nicht ganz so mit Aktualität der Webseite – beides nicht unüblich in der Branche.

Aber was ist diese „Branche“ eigentlich?
Mit den mittlerweile unendlichen Möglichkeiten ist die Spielindustrie weit über nur Konsolenspiele hinausgewachsen und beinhaltet mittlerweile alles von der Konsole über free-to-play Onlinespiel, Browserspiel bis hin zum Handyspiel. Unbegrenzte Möglichkeiten bedeuten aber auch Verantwortung. Da fängt es an: Möchte Firma x, die einen gewissen Ruf hat (oder haben möchte) wirklich Kinder (die oben erwähnten Minderjährigen), die einfach nur mal „Traumjob“ Spielefirma ausleben möchten, an die Lokalisierung setzen? Wenn wir ehrlich sind, sind dafür selbst manche Erwachsene nicht geeignet. Das Aufgabengebiet einer Spielefirma umfasst recht viel und entspricht dem Aufbau so jeder anderen Firma: Produktentwicklung, -vermarktung, Lokalisierung/Quality Assurance, Kundenbetreuung (Community Management und Customer Support), Personalmanagement, Finanzmanagement, IT-Abteilung. Alles Berufszweige, in denen man doch möglichst fähige Individuen wissen möchte, damit das Produkt auch Erfolg hat und – im Endeffekt – der Kunde glücklich ist.

So kann man sich jetzt als aufmerksamer Leser denken: Die machen auch nur furchtbar normale Dinge. Die Spielindustrie ist kein „Traum“, es ist harte Arbeit – wie jeder andere Beruf auch! Es existiert Zeit- und Leistungsdruck und man spielt auch nicht den ganzen Tag (wie einige sich das vielleicht denken). Ich möchte keine Traumschlösser einreißen, aber immer nur zu sagen: „Das ist mein Traum“ macht den Traum nicht Realität und die Spielindustrie fordert noch ein bisschen mehr als „normale“ Berufe, unter Anderem gute Englischkenntnisse (= konversationsfähig! Kein sinnfreies Gestammel!) – immerhin sind die meisten Firmen, anders als bei „normalen“ Berufen, international.
Aber wie bekommt man das, wenn man bisher in der Schule nur Stammel-Englisch hatte (oder nicht genug aufgepasst hat) und noch keine (relevante) Berufserfahrung besitzt?
Ich schlage vor, wenn man den „Traumjob“ wirklich haben will, damit anzufangen, Adressen von Spielefirmen zu suchen, die Internships (das neue Wort für Praktikum) anbieten.
Dies kann (muss aber nicht) der Einstieg in den Traum sein oder die ernüchternde Feststellung, dass das ganze Unterfangen eben doch nur eine Seifenblase war.

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